Der Nabel der Welt: Ich

Es gibt Menschen, die erachten sich selber als das Wichtigste in ihrem Universum. Womit sie nicht Unrecht haben, denn aus ihrer Perspektive sind sie das auch. Sie und ihre Bedürfnisse. Wie die Sonne in einem Sonnensystem strahlen sie selbstverständlich – häkäm – am hellsten. Sie sind intelligenter, schlauer, schöner etc. als alle anderen. Die Mitmenschen sind höchstens Planeten, welche von der Sonne abhängig sind.

 

Jegliche Kommunikation wird so gedeutet, dass sie Bezug zum Egozentriker hat. Egal, was als Aussenstehender gesagt oder geschrieben wird: Der Egozentriker wertet und interpretiert sie immer mit Bezug zu sich selber. Und das, obwohl 99% der Kommunikation sich nicht um den Egozentriker dreht. Oft kommt zur Egozentrik dann auch noch Egoismus hinzu: Der „Sonnenmensch“ nimmt in Kauf, dass es anderen zur Befriedigung seiner Bedürfnisse schlechter geht oder sie Umtriebe haben.

 

Und dann gibt es um diesen Menschen oft auch solche, die diese Egozentriker auch noch darin bestärken. Die ihr Leben nach dem „Sonnenmenschen“ ausrichten. Ihre eigenen Bedürfnisse ausblendend, hintenan stellend. Die ihre Persönlichkeit aufgeben, sich langsam auflösen. Und sich dann wundern, dass sie nicht mehr als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen werden, wenn der egozentrische „Sonnenmensch“ nicht mehr da ist.

 

Diese ungute Konstellation kann in vielfältiger Kombination beobachtet werden: das überbehütete Kind, bei welchem sich ein oder beide Elternteile völlig aufgeben. Das Paar, wo einer den dominanten Part innehat und sich der andere bis zur Aufgabe der Persönlichkeit unterwirft/nach dem anderen ausrichtet. Die Sekte, welche jedes Wort des Gurus als bare Münze nimmt und die kritische innere Stimme unterdrückt.

 

Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Hingabe sind schöne Werte. Doch ich persönlich finde, dass kritisches Hinterfragen nicht nur bei anderen angebracht ist – sondern auch bei einem selber. Akzeptiere ich selber Dinge bei jemandem, die ich von anderen Freunden niemals akzeptieren würde? Rede ich jemanden schön oder relativiere ich die Taten, indem ich sage: „Eigentlich ist er/sie ganz lieb“? Dann gehe ich mit Reda überein: Da klingeln bei mir die Alarmglocken.

 

Das Schwierigste ist wohl, selber kritisch zu bleiben, wenn Menschen beginnen, einen zum „Sonnenmenschen“ zu machen. Denn es ist einfach sehr angenehm, das Zentrum eines Sonnensystems zu sein. Die Sekte lässt grüssen…