Feinfühlig - und zickig

Meine Mutter hat mich schon ein "Finöggeli" genannt. Was bedeutet, ich sei klein, fein, zerbrechlich. Früher bezog ich das einfach auf meine Statur. Weil ich halt nicht die grösste war und - bevor ich mit Kung Fu angefangen hatte - sehr, sehr dünn und feingliedrig war. Eine klassische kleine Ballett-Elfe.

 

Nun ja, feingliedrig und klein bin ich immer noch, aber jetzt hab ich ein bisschen mehr auf den Rippen. :D

 

Heute aber denke ich, sie hat das nicht nur auf meine feine Statur bezogen. Sondern auch auf mein Wesen. Ich war nicht sehr "robust", hab oft "wegen Kleinigkeiten" geweint. Ich war sehr verträumt, konnte mich stundenlang (und das ist nicht übertrieben) in Bücher vertiefen. Las 5 dicke Schinken die Woche - und rannte am Freitag stets wieder in die Bibliothek, um die Bücher auszutauschen. Mein Wissensdurst war kaum endend, ausser bei Mathematik und Geometrie. Dort endete mein Durst schlagartig... :)

 

Zurückblickend mussten sich meine Eltern nie gross um mich kümmern. Wir streiften als Kinder im Quartier rum, kletterten auf Bäume, spielten in unserer ganz eigenen Fantasiewelt - und ja, ich hatte meine unsichtbaren Freunde. Diese Verträumtheit hab ich mir bis heute ein bisschen bewahrt (subjektiv betrachtet). Vielleicht fällt mir deswegen das Meditieren so einfach: Minutenlang dasitzen und nichts "tun" - gibt's was Schöneres? Die Gedanken fliessen lassen? Kein Problem! An nichts denken? Nichts einfacher als das!

 

Aber wehe, wenn ich nicht zu meiner Ruhe komme, wenn ich sie brauche... Dann kommt die Zicke hervor. Nicht, weil ich verwöhnt bin, sondern weil ich dann bereits im "Notfallmodus" bin. Ich bin überreizt und will diese Sitmuli loswerden - und dies schnell. Das ist dann natürlich in Beziehungen eher belastend.

 

Mein Partner ist nicht hochsensibel und spürt meine Stimmungswechsel kaum, erst wenn es dann "zu spät" ist. Denn manchmal geschehen die Stimmungswechsel auch sehr, sehr schnell. Wir haben deshalb gemeinsam vereinbart, dass ich konkreter (für mich "zu direkt") sage, dass ich nun meine Ruhe möchte oder mich aus einer Situation herausziehen möchte. Nichts mit "nett umschreiben" und "sanfte Signale" senden, sondern direkt und konkret: "Schatz, ich bin gerade mit der Situation überfordert und brauche jetzt 5 Minuten meine Ruhe".

 

Und zwar bevor ich im Notfallmodus bin. Dieser Grat ist für mich manchmal schwierig, doch ihm zuliebe tue ich das. Mal mit mehr Erfolg, mal mit weniger. Da er aber weiss, dass ich mich bemühe, ist er dafür umso nachsichtiger, wenn ich zu spät reagiere und mich mal im Notfallmodus befinden sollte. Dafür entschuldige ich mich dann aber umgehend.

 

Und was ich unbedingt noch sagen möchte: Der/die Partnerin findet dich übrigens nicht doof, weil du hochsensibel bist. Klar, manchmal wünscht sich unser Lieblingsmensch vielleicht schon, dass wir nicht so empfindlich sind. Aber: Unser Lieblingsmensch schätzt unsere Sensitivität auch! Weil wir einiges antizipieren, wenn es ihm/ihr nicht gut geht. Weil wir ihm/ihr den Raum lassen, wenn wir merken, er/sie braucht Ruhe (wer kann das besser nachempfinden als wir?). Weil wir sehr fürsorglich sein können. Weil wir sehr aufbauend und motivierend sein können.

 

Also: Hochsensibilität ist kein Fluch, sondern ein Anteil, mit dem man umgehen kann.

 

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